Gerichtsbeobachtungen von peri e.V. zum Mordkomplott-Prozess in Wuppertal / 19. Dezember 2013

Vor dem Landgericht in Wuppertal wird derzeit  ein absonderlicher Prozess verhandelt. Den Angeklagten wird vorgeworfen, sich zu einer Geiselnahme verabredet sowie versucht zu haben, den Angeklagten Mehmet S. zu einem Verbrechen, nämlich Mord und Geiselnahme, zu bestimmen.

Zu Beginn der heutigen Verhandlung gab auch der Angeklagte Zekeriya Y. seine bereits angekündigte Einlassung ab und bestätigte die Angaben der beiden angeklagten Fehmi S. und Nuh C. vom vorherigen Verhandlungstag. Er, Zekeriya, hätte vermitteln sollen, damit der Sohn des Fehmi S. zurück zu seiner Familie komme.

Er habe den Kontakt zu Mehmet S. hergestellt, den er bereits seit 1998 kenne. Damals seien zwei seiner Kinder schwer erkrankt gewesen und Mehmet S. hatte den Kontakt zu einem Arzt hergestellt. Die Kinder konnten geheilt werden und zu dem Arzt bestünde nach wie vor Kontakt. Zekeriya habe deshalb eine tiefe Dankbarkeit gegenüber Mehmet S. empfunden und diesen nie ganz aus den Augen verloren. Er hätte dadurch auch erfahren, dass Mehmet S. sich zu einer „Autoritätsperson“ entwickelt habe.

Da Zekeriya Y. wusste, dass Mehmet S. aus der gleichen Gegend in der Türkei wie die neue Freundin Serpil stammte, hätte er Mehmet S. gebeten, auf die Familie einzuwirken, damit Serpil von Fehmis Sohn lässt.

Zekeriya war es bei der Verhandlung wichtig klarzustellen, dass er nichts mit den Grauen Wölfen zu tun habe. Er sei seit Jahren SPD-Mitglied, sei seinerzeit wegen Willy Brandt in die SPD eingetreten und sehe sich in dieser Tradition.

Zur Anklage selber erklärte er, dass er diese nicht in Abrede stellen wolle und die Telefonate hätten tatsächlich so stattgefunden.

Die Angeklagten Zekeriya Y., Nuh C. und Fehmi S. machten sodann Angaben zur Person:

Zekeriya Y. ist 1963 in der Türkei geboren. Er besuchte dort  5 Jahre die Grundschule und lebt seit 1979 in Deutschland. Er ist das mittlere von insgesamt 7 Kindern und 4 seiner Geschwister leben ebenfalls in Deutschland. Er ist seit 35 Jahren verheiratet und hat 3 erwachsene Kinder. Er hat 27 Jahre in Deutschland gearbeitet und er beklagt nun gesundheitliche Probleme: Asthma, Diabetes und Bandscheibenvorfälle, außerdem verfügt er nur über eingeschränkte Hörfähigkeit. Derzeit lebt er von ALG 2 und hat Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente gestellt. Aufgrund von Schulden hat er kurz vor der Inhaftierung Antrag auf Privatinsolvenz gestellt.

Nuh C. kam 1972 nach Deutschland. Er hat seit 40 Jahren als Dreher im Metallbau gearbeitet, ist seit 35 Jahren verheiratet und hat 3 Kinder. In der Türkei hat er 5 Jahre lang die Grundschule besucht, bevor er nach Deutschland kam, wo auch sein Vater bereits lebte. Der Vater ist wieder in die Türkei zurückgekehrt. Auch Nuh C. berichtet von gesundheitlichen Problemen: er ist zu 60% schwerbehindert, hatte in 2002 eine Bypass-Operation, leidet an Diabetes, Bluthochdruck und hat einen Bandscheibenvorfall. Vor der Inhaftierung bezog er Krankengeld. Schulden habe er keine außer dem Darlehen zur Finanzierung der selbstbewohnten Immobilie.

Auch Fehmi S. hat die 5 Jahre Grundschulzeit absolviert, ging dann 1962 für 2 Jahre zum Militär und danach 1964 nach Deutschland, wo er zunächst in Mülheim/Ruhr, dann in Brühl und zuletzt in Wesseling arbeitete. Seit 2002 ist er Rentner. Er ist seit 1970 verheiratet und hat 4 Kinder, 3 Töchter und den 35-jährigen Sohn, der letztlich Ursache des jetzigen Strafverfahrens ist. Die beiden älteren Töchter sind 1972 und 1973 geboren. Das Geburtsjahr der jüngsten Tochter war dem Angeklagten dann nicht mehr präsent. Da diese sich aber im Gerichtssaal befand, konnte sie insoweit zur Aufklärung beitragen (Geburtsjahr 1984). Die Ehefrau von Fehmi S. hat ihrerseits 15 Jahre gearbeitet und wird wohl nächstes Jahr in Rente gehen.

Auf Nachfrage des Gerichts räumte Fehmi S. ein, dass er noch einen Sohn hat, der in der Türkei lebt und nach dem Weggang des Vaters nach Deutschland 1964 geboren wurde. Mit der Mutter dieses Sohnes war Fehmi S. verheiratet, die Ehe wurde jedoch in der Türkei geschieden.

Bislang hat Fehmi S. nach eigenen Angaben keine Schulden. Da allerdings sein Sohn die Darlehensraten für die in seinem Eigentum stehende Immobilie, in der offenbar auch Fehmi S. nebst Ehefrau lebt, nicht mehr zahlt, befürchtet Fehmi S., das Haus zu verlieren.

Auch Fehmi S. berichtet über gesundheitliche Probleme: er leidet ebenfalls unter Diabetes sowie an Durchblutungsstörungen.

Anschließend beantragten die Verteidiger des Mehmet S., der sich als Einziger bislang überhaupt nicht geäußert hat, die Aussagen der übrigen Angeklagten bezüglich Mehmet S. nicht zu verwerten. Es ging hier um Formalien einer sog. „Verständigung“, die hier nicht weiter ausgebreitet werden sollen. Allerdings erklärten die Verteidiger der übrigen Angeklagten, dass diese ohnehin Geständnisse hätte ablegen wollen, weil die Telekommunikationsüberwachung eben so eindeutig gewesen sei und sie den dortigen Erkenntnissen nicht widersprechen konnten. Von einem sog. Deal könne daher gar nicht die Rede sein.

Das Gericht denkt weiterhin über eine Abtrennung des Verfahrens gegen Mehmet S. nach. Im Hinblick auf die 3 anderen Angeklagten sollen jedenfalls am kommenden Verhandlungstag, dem 10.1.14, die Plädoyers gehalten werden. Eventuell kommt es bereits dann zu einem Urteil.

Das Verfahren wird am 10. Januar 2014 fortgesetzt

 

Brigitta Biehl
2. Vorsitzende peri e.V.
Wiesbaden, 19.12.2013
 
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