Gerichtsbeobachtungen von peri e.V. zum Ehrenmord-Prozess im Fall Iptehal Z. / 14. Mai 2013

Die mittlerweile 13. Gerichtsverhandlung zum sogenannten "Mord an der A45" trug weitere Erkenntnisse an die Oberfläche. Besonders prägend sind die gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen dem Bruder und dem Onkel der ermordeten Iptehal.

Der heutige Verhandlungstag begann mit der Vernehmung eines Zeugen, dessen Frau mit Iptehal befreundet war und der gleichzeitig selber mit Iptehal eine kleine Affäre hatte. Er berichtete, dass Iptehal ins Frauenhaus gegangen sei, weil sie Angst vor ihrer Familie hatte. Grund war, dass sie mit jemandem „abgehauen“ war (dies dürfte der türkische Ehemann gewesen sein). Auf die Nachfrage des Gerichts erklärte der Zeuge, dass die junge Kurdin die meisten Probleme offenbar mit ihrer eigenen Mutter hatte.

Insgesamt konnte sich dieser Zeuge jedoch an recht wenig erinnern. Nachvollziehbarerweise verblassen Erinnerungen, da der Mord bereits über fünf Jahre zurückliegt, doch der Mann wirkte vielmehr desinteressiert. Andere Zeugen, die im Gegensatz zu ihm keine intime Beziehung zu Iptehal führten, konnten sich wesentlich lebhafter an die Vorgänge entsinnen.


Dennoch erinnerte sich der ehemalige Geliebte gut an die Gerüchte, die im Heimatort Schwerte die Runde machten: So soll die Familie von Iptehal nicht um ihren Tod getrauert haben, sondern waren vielmehr entrüstet über die Schande, die Iptehal über sie brachte, als die junge Frau ins Frauenhaus floh.

Falsche Identitäten, eine Familie ohne Trauer

und mysteriöse Telefonate

Der Leiter der Ermittlungen berichtete im Zeugenstand, wie die Mutter von Iptehal über den Tod ihrer Tochter informiert wurde: Der Beamte sei persönlich und vorsorglich in Begleitung von zwei muslimischen Geistlichen und einem Dolmetscher zum Haus der Familie gefahren. Die Mutter sei sehr erschüttert gewesen, als man ihr die Nachricht zutrug, so der Ermittler.


Nach den medialen Berichterstattungen seien diverse Hinweise eingegangen. Unter anderem von einem Zeugen, der den ältesten Bruder Nabil, der eigentlich in Finnland lebt, in Schwerte gesehen haben wollte und eine Verbindung zwischen ihm und der Tat herleitete.

Mit der Auswertung der Verbindungsnachweise der Mobilfunkgeräte konnten die Ermittler recht schnell eine Verbindung zwischen dem Mord und diversen Familienmitgliedern als potenzielle Täter herstellen. Iptehal hatte in der Vergangenheit einen regelmäßigen Telefonaustausch mit Geräten, die auch am Tag der Tat zum Einsatz kamen. Allerdings konnten genau diese Telefone keinem Anschlussinhaber zugeordnet werden, weil falsche Identitäten benutzt wurden. Zwei Anschlüsse konnten die Ermittler letztlich dem Cousin Ezzedin und seinem Vater Mohamad zuweisen. Insbesondere anhand des von Ezzedin genutzten Handys konnte dessen Wegstrecke nachvollzogen werden: von Norddeutschland nach Wuppertal, dann nach Schwerte zum Tatort und im Anschluss nach Holland. Auf diesen Strecken wurden regelmäßig Telefonate geführt.

Aufgrund der Verbindungsdaten konnte festgestellt werden, dass Ezzedin und Iptehal gemeinsam in einem Fahrzeug zum Tatort gefahren waren. Ferner war auch klar, dass der angeklagte Onkel aus Finnland, Hussain, Nutzer eines Handys mit einem falschen Namen war. Und auch er hat sich an der Mordstelle befunden.

Iptehals Bruder beschuldigt seinen Onkel des Mordes

Ende 2012 erhielten die Ermittler die Nachricht, dass sich der flüchtige Onkel Hussein den Behörden in Deutschland stelle wolle. Hussein befand sich zu diesem Zeitpunkt in syrischer Haft. Nach der Auslieferung nach Finnland wurde der Mann dann den Beamten in Deutschland überstellt.

Zeitgleich kontaktierte ein Rechtsanwalt den Leiter der Ermittlungseinheit, dass sich ein weiterer Tatverdächtiger stellen wolle. Der Ermittler betonte vor Gericht, dass er über diese Umstände recht überrascht war. Bei dem zuletzt genannten Verdächtigen handelte sich um den Bruder Hüsein, der ein Geständnis ablegte und seine Anwesenheit am Tatort einräumte.

Was wie ein Zufall wirkt, war offenbar keins: Beide Tatverdächtigen beschuldigten sich zugunsten der eigenen Strafmilderung gegenseitig.

Hüsein habe zugegeben, dass er in der Nacht in dem Fahrzeug saß, mit dem zum Tatort gefahren wurde, so die Zeugenaussage des Ermittlers vor Gericht. Aber den Mord habe der Onkel Hussain begangen, der unbemerkt eine Waffe mit sich geführt haben soll. Hüsein sei davon ausgegangen, dass sein Onkel mit Iptehal nur reden und sie zur Räson bringen wolle, weil sie sich wie "eine Schlampe" benommen habe.

So berichtet der Ermittler weiter von der Vernehmung Hüseins, dass er gemeinsam mit seinem Onkel Hussain und Ezzedin am Nachmittag des Tattages Iptehal abgeholt habe. Man habe die junge Frau mit der Behauptung gemeinsam essen gehen zu wollen herausgelockt. Danach seien sie auf die Autobahn gefahren und später auf dem Parkplatz gehalten, wo der Onkel überraschend geschossen habe.

Die verspätete Aussage begründete Hüsein damit, dass sein Onkel ihm gedroht hätte. Sein Onkel Hussein habe ihm unmissverständlich klar gemacht, dass er "der Nächste" wäre, wenn er jemanden über die Tat etwas erzählt. Aber er habe es nicht mehr ausgehalten, sein Gewissen habe ihn zu sehr geplagt.

Hüsein wusste angeblich auch nichts darüber, woher Hüssein den Aufenthaltsort von Iptehal im Frauenhaus kannte. Er und seine Familie hätten auch keine Probleme damit gehabt, dass Iptehal geflohen sei, weil sie hätte immer alles tun und lassen können, was sie wollte, so der Bruder Hüsein.

Das unmittelbare Tatgeschehen habe Hüsein dann so beschrieben: Am Parkplatz angekommen, habe der Onkel die junge Frau gewaltsam aus dem Wagen gezerrt und eine Waffe gezogen. Völlig unerwartet habe er einen Schuss abgefeuert, aber da sei noch nichts passiert. Gegen den Willen von Iptehal habe der Onkel sie weiter zu den Büschen gezogen und weitere Schüsse abgefeuert. Allerdings wären er und Ezzedin im Fahrzeug geblieben und die Schüsse lediglich außer Sichtweite gehört. Wenige Augenblicke danach sei der Onkel zurückgekehrt und einsilbrig "Abfahrt" befohlen. Später hätten der Onkel und Ezzedin ihn in Schwerte rausgelassen und seien weitergefahren.

Hüsein gab bei der Polizei bekannt, dass er große Angst vor seinem Onkel hatte und aus Pflichtgefühl und Sorge um seine anderen Schwestern geschwiegen habe.

Trotz der Auskunft des Ermittlers, dass nachweisbar DNA-Spuren von Ezzedin auf Iptehals Bekleidung gefunden wurden, beharrte Hüsein darauf, dass Ezzedin lediglich mit ihm Auto saß und nicht sehen konnte, was passiert sei.

Der Onkel widerspricht den Vorwürfen: "Hüsein hat geschossen"

Dem Bericht des leitenden Ermittlers zufolge habe Hussain bereits im Flugzeug bei der Überführung aus Finnland nach Deutschland angefangen, seine Version des Tathergangs zu erzählen. Obwohl der Ermittler ihn über seine Rechte aufklärte, bestand der Onkel darauf aussagen zu wollen, auch ohne Anwalt, denn er habe sich schließlich freiwillig gestellt, um die Wahrheit zu erzählen.

Laut der Auskunft des Onkels habe er und Ezzedin im Fahrzeug gesessen, als Iptehals Bruder eine Waffe zog und seine Schwester erschoss. Ezzedin und Hüsein würden ihm die Tat "in die Schuhe schieben wollen".

Bezüglich der Familienverhältnisse habe Hussain berichtet, dass er die Familie seines Bruders (Iptehals Vater) seit dem Tod des Bruders nicht mehr gesehen habe. Seine Schwägerin, Iptehals Mutter, hätte ihm vorgeworfen, ihm sei es egal, wen seine Kinder heirateten, er sei ein schlechter Mensch. Er hätte Iptehal seinerzeit angeboten mit ihrem türkischen Freund nach Finnland zu kommen, dann müsse ihr Vater das akzeptieren.

Die Mutter bestreitet jegliche Schuld

Ein weiterer Kriminalbeamter berichtete von der Vernehmung der Mutter, als sie bereits als Beschuldigte vernommen wurde. Sie habe sich sehr darüber aufgeregt und u.a. gesagt, sie sei doch eine Mutter und kein Tier. Iptehal hätte immer machen können, was sie wollte und hätte über ihr Leben frei bestimmen dürfem. Einen Grund für Iptehals Aufenthalt im Frauenhaus konnte die Mutter nicht nennen.

Dieser Zeuge hatte die Mutter dann auf die Familienverhältnisse angesprochen: So ist Nabil (ältester Bruder von Iptehal) mit einer Tochter des Onkels Hussain, also seiner Cousine verheiratet. Eine Schwester von Iptehal ist mit einem Sohn des gleichen Onkels verheiratet. Der Zeuge habe der Mutter gegenüber dann festgehalten, dass sie offenbar ihre Kinder gerne innerhalb der Familie verheirate. Darauf hätte die Mutter nur erwidert, dass Gott entscheide, wen die Kinder lieben. Das könne man als Eltern nicht lenken. Einer der Verteidiger wies in dem Zusammenhang darauf hin, dass es bis vor 3 Jahrzehnten auch in Deutschland üblich gewesen sei, dass man zwischen Cousins und Cousinen heiratete, gerade bei Adligen.

Als die Mutter dann noch auf die Rolle von Ezzedin in dem Mordzusammenhang befragt wurde, habe sie das ausgeschlossen. Ezzedin war nicht am Tatort, er habe damit nichts zu tun, er sei "weder Vater noch Bruder", so die Mutter von Iptehal.

Die Verhandlung wird am 15. Mai 2013 fortgesetzt.

 

Brigitta Biehl
2. Vorsitzende peri e.V.
Hagen, 14.5.2013
 
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